Warum ich keine Übersetzungen mehr lese
Eine kleine Pöbelei in Richtung (etablierter) Verlage
Schon seit Jahren bin ich dazu übergegangen, amerikanische oder englische Romane mehr und mehr im Original zu lesen. Inzwischen ausschließlich. Die Gründe hierfür sind vielfältig und ein paar davon möchte ich dem geneigten Leser an dieser Stelle nahe bringen.
Mir ist klar, dass mein Geschreibsel diejenigen, die im Englischen nicht so firm sind oder die Sprache gar nicht beherrschen, nicht wirklich weiter bringt, aber auch für diese gibt es in meinem Artikel möglicherweise ein paar Augenöffner.
Punkt eins: Und der ist für mich persönlich auch gleich der gewichtigste: Die Übersetzungen sind grottenschlecht. Man könnte jetzt sicherlich meinen, ich würde da nur eine Behauptung aufstellen oder dass das auch nur eine Geschmackssache sein könne, aber dem widerspreche ich. Der weitaus größte Teil der Übertragungen aus dem Englischen scheint von Amateuren erstellt worden zu sein, die sich entweder mit der originalen oder aber der deutschen Sprache nicht auskennen. Oder mit beiden.
Der Ärgernisse gibt es viele: Englische Redewendungen, die eins zu eins übersetzt werden, obwohl es ein deutsches Pendant gibt. Stumpfe Fehlübersetzungen, wie beispielsweise »heroine« nicht als »Heldin« sondern als »Heroin« zu übertragen (ich weise explizit auf dieses Beispiel hin, da es mir mehrfach »über den Weg gelaufen ist«). Da fragt man sich, was der Translator für Drogen genommen hat, möglicherweise Heroin. Feststehende Fachbegriffe werden gnadenlos eingedeutscht, so dass man sie nicht mehr erkennt. Und einer der ärgerlichsten Patzer: Das zwanghafte und oftmals hanebüchene Übersetzen von Eigennamen. Warum muss das unbedingt sein?
Auch unerträglich: Das eigenmächtige »Modernisieren« eines altertümlich verfassten Textes, weil der Autor oder der Verlag der Ansicht sind, in der archaischen Form würde sich das nicht verkaufen (ich verweise z. B. auf Kempens Vergewaltigung des »Herrn der Ringe«). Gehts noch? Schreibt doch gleich einen neuen Roman!
Gern genommen ist auch eine Verniedlichung oder »Reinigung« von Texten, die sich durch kernige Umgangssprache und/oder buntes Gefluche auszeichnen und in der Übersetzung dann weichgespült sind. Entweder weil man seinen Lesern das nicht zumuten möchte, oder weil der Wälzer unter dem derzeitigen Lieblingslabel »All Age« auch an Krabbelgruppen und Pubertierende verkauft werden soll. Wahrscheinlich kennen die aber mehr Schimpfwörter (auch englische) als der Übersetzer...
Es soll niemand meinen, das wären alles Einzelfälle, vielmehr treten sie gehäuft auf und wenn man des Englischen einigermaßen mächtig ist, fallen sie einem auch deutlich auf.
Man fragt sich unwillkürlich, ob die Verlage sich ihre Übersetzer beschaffen, indem sie wahllos auf der Strasse Leute ansprechen, oder ob das die ersten Auswirkungen von Pisa aufs Berufsleben sind?
Punkt zwei: Künstliches Erschaffen von Seiten aus dem Nichts.
Wie jetzt?
In den Marketingabteilungen herrscht – wohl zu Recht – die Ansicht, dass dicke Bücher teurer zu verkaufen sind, als dünne. Dagegen ist erstmal nichts einzuwenden. Definitiv etwas einwenden kann man allerdings gegen die Unsitte, dieses Ziel (dicke Wälzer = Moneten) erreichen zu wollen, indem man die Schriftgröße und den Durchschuss (der freie Raum zwischen den Zeilen) drastisch erhöht. Das mag zwar die Kurzsichtigen erfreuen, aber die haben wohl in aller Regel eine Brille.
Das führt natürlich zu mehr Seiten, die sich ihrerseits in einer größeren Zentimeterzahl des Buchblocks niederschlagen. Klar, man sollte hier nicht vergessen, dass man im Deutschen meist eine größere Anzahl von Worten für einen Satz benötigt, als im Englischen, was allein schon zu einem höheren Umfang der Druckwerke führt. Aber: Wer mal Originale mit Übersetzungen vergleicht, oder sogar verschiedene deutsche (Taschen-)Bücher, wird feststellen, dass ich mit meiner Vermutung des Seitenschindens definitiv nicht falsch liege.
Und das wiederum sorgt für einen erheblich höheren Preis. Aber zu Preisen später noch mehr.
Punkt drei: Der Zaubertrick mit den ebenfalls aus dem Nichts erschaffenen Büchern. Dieselben Marketingstrategen haben – möglicherweise nach dem hastigen Genuss einer Buddel Cognac - noch eine weitere Methode entwickelt, um dem Leser die Kohle aus der Tasche zu ziehen: Man teile ein englisches Buch einfach in zwei Teile (wende eventuell je nach Umfang des Originals noch den soeben beschriebenen Zeilenschindertrick an) und voilá, schon kann man ein Buch zum Preis von zweien verkaufen. Jeweils zum vollen Preis, versteht sich. Diese Taktik ist in meinen Augen wohl der Gipfel der Unverfrorenheit. Insbesondere, da offenbar auch hier angenommen wird, dass mir der Originalzustand des entsprechenden Buches nicht bekannt ist.
Punkt vier: Und hier kommt er nun: Der Preis. Von den soeben aufgezählten Preisschindereien mal abgesehen, sind deutsche Bücher grundsätzlich aasgeierig teuer (auch die deutschen Originale). Die Verlage lamentieren lautstark über gestiegene Energie-, Personal- und was weiß ich für Kosten, verschweigen aber tunlichst, dass der gesamte Herstellungsprozess sich durch die moderne Datenverarbeitung erheblich vereinfacht hat. Warum soll das teurer sein? Dann bringt man die Kosten für die Übersetzung vor. Ah ja. Warum sollte ich für miserable Arbeit (siehe oben) was zahlen?
Noch nicht angekommen ist in den konservativen Marketingabteilungen vieler Verlage offenbar, dass es inzwischen nicht nur das Internet und einen globalen Handel gibt, sondern der auch noch dazu geführt hat, dass heutzutage jedermann englische Originale auf einfachste Art und Weise erwerben kann. Und das auch noch preiswert. Das durchschnittliche Paperback kostet beim Amazon oder Libri um die fünf Euro. Die deutsche Übersetzung gut und gern mal das Doppelte oder sogar Dreifache. Mehr, wenn der potteresk zu nennende Bucherschaffungstrick (»creatio libri!«) von weiter oben angewandt wird. Für wie blöd halten die mich eigentlich?
Winzige Abweichung vom Thema: Witzig ist in diesem Zusammenhang natürlich, dass Werke von deutschen Autoren zum Teil ebenfalls zu diesen horrenden Preisen feil geboten werden (zur Einführung des Teuro gab es eine deutliche Anpassung der Verkaufspreise nach oben, aber das war auch vorher schon so). Wie kann das denn kommen? Erhalten die hiesigen Autoren so viel mehr Honorar? Unwahrscheinlich. Oder wird so viel weniger für die Übersetzung ausgegeben, dass die nicht mehr ins Gewicht fällt? Der Qualität der Übertragungen nach zu urteilen muss das wohl so sein... Als weiterer Grund für die ebenfalls völlig überteuerten deutschen Originalausgaben kommt mir sonst nur noch Geldgier in den Sinn. (Ich weiß: Es gibt rühmliche Ausnahmen, wie beispielsweise die Perry-Rhodan-Taschenbücher bei Heyne für sechsfünfundneunzig, aber das soll mich hier jetzt nicht vom Pöbeln ablenken!) :o)
Punkt fünf: Der Zeitfaktor. Manchmal dauert es Jahre, bis einer der Entscheider bei einem Verlag aufwacht, sich die müden, an Umsatzzahlen rotgelesenen Augen reibt und feststellt, dass es da einen potentiellen Kandidaten für eine Übersetzung gibt. Warum soll ich darauf warten, wenn ich gleich das Original goutieren kann? Werft mal einen Blick auf das Ersterscheinungsdatum von Newtons Cannon (1999) und wann die Übersetzung erstmalig hier erschien (Dezember 2007). Nicht jedes Buch ist ein Harry Potter, wo die Übersetzungen offenbar mit Peitschenhieben beschleunigt wurden.
Punkt sechs: ...hängt direkt mit dem vorangegangenen zusammen, denn dieselben Herren entscheiden grundsätzlich darüber, was bei uns übersetzt erscheint. Gerade im Bereich Phantastik werden Myriaden mehr Bücher auf den englischsprachigen Markt geworfen, als wir in deutscher Fassung zu sehen bekommen. Warum sollte ich das, was ich lese, vom Geschmack, den Launen oder dem begrenzten Budget eines Spartenredakteurs abhängig machen? Oder wieder monetären Überlegungen, die dafür sorgen, dass nur Blockbuster oder Serienlizenzen bei uns erscheinen? Nein danke.
Ich war beispielsweise wie vor den Kopf geschlagen, als ich vor Jahren feststellen musste, dass es zahllose Bücher von Alan Dean Foster (einer meiner Lieblingsautoren) gab, die hierzulande gar nicht erst in die Regale der Buchhändler gebracht worden waren.
Und es ist wirklich nicht so, dass nur qualitativ Hochwertiges seinen Weg auf den deutschen Markt findet. Eher solches, wo man hohe Absatzzahlen vermutet. Außerdem entscheide ich auch gern selbst, was »qualitativ hochwertig« ist.
All das führt dazu, dass ich viel Geld spare und mir keine miserablen Übersetzungen antun muss, indem ich gleich die Originale lese und all jene bedaure, die dazu nicht in der Lage sind. Denn denen entgeht wirklich was.
Den hiesigen Verlagen entgeht ebenfalls etwas, nämlich: Mein Geld. Und daran wird sich offensichtlich so schnell auch nichts ändern.
Amen! ^^
Und willkommen im Club!
LG
Susa
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