THE WALKING DEAD - seziert und gespoilert

Promo-Poster THE WALKING DEADAutor: Bandit

Am 31.10.2010 feierte die neue Serie im Kabelsender AMC einen sensationellen Start. Am 5.11. beginnt der FOX-Channel auch in Deutschland mit der Ausstrahlung der sechsteiligen Staffel in Zweikanalton:
 
Was ist der Zombie in unserer Gesellschaft? Dem Zombie fehlt schlichtweg die Aura des Mysteriösen, des Unnahbaren, des Interessanten. Jekyll und Hyde, der Werwolf oder die Katzenmenschen. Sei es Buffy oder alles, was an Vampiren durch die Nacht schleicht. Ein Mensch, erschaffen aus vielen Teilen anderer Menschen. Der Außerirdische, der im Wandschrank wohnt, oder Invasoren aus für uns unvorstellbaren, anderen Welten. Der Zombie ist einfach nur hässlich. Er ist nicht von inneren Dämonen getrieben und er hat auch keine wirklichen Ambitionen. Er riecht schlecht und es wird mit der Zeit auch nicht besser.
 
Jedes Monster aus Buch, Film und Fernsehen versucht einen phantastischen Bezug zu der inneren Zerrissenheit eines Menschen herzustellen. Der sichere Platz Erde gegen die unerforschten Welten unseres Universums. Der ehrbare Mensch gegen das Ignorieren aller Etiketten. Das biedere Leben gegen die Verdammnis der Nacht und der Unsterblichkeit. Der Zombie hingegen hat nur dein Bestes im Sinn, bietet dabei aber keinerlei Faszination. Er ist nichts weiter als der erhobene Zeigefinger für unsere Sterblichkeit. Und diese Sterblichkeit ist wirklich bitter. Niemand möchte so durch die Welt wandern, zerrissene Kleidung und abfallende Hautfetzen, Mundgeruch und sprödes Haar. Natürlich fragt man sich, wie so ein Phänomen möglich ist, aber das ist es dann auch schon. Der Rest nervt nur, weil sie sich dann auch noch überall herumtreiben. Deswegen werden sie ja auch »Walking Dead« genannt.

Frank Darabont jedenfalls fragt sich nicht, wie dieses Phänomen möglich ist. Rick Grimes heißt der Deputy Sheriff, der nach dem Erwachen aus dem Koma in die untote Welt gestoßen wird. Es ist die Welt von Robert Kirkman, der mit den Zeichnern Tony Moore und Charlie Adlard den kläglichen Rest der Menschheit der Zombie-Apokalypse aussetzte. Obwohl es sich in den vergangenen Monaten regelrecht aufgedrängt hat, die Comic-Reihe zu lesen oder zumindest anzureißen, wäre jeder Versuch eines Vergleichs sowieso ein sinnloses und absurdes Anliegen. Sind die Comics gut? Wer weiß. Wie stehen die Comics zu der begonnenen Serie? Interessiert das denn? Ist die Serie gut? Der Pilot jedenfalls ist brillant.
 
Frank Darabont ist dieser geniale Kopf hinter den besten Stephen-King-Verfilmungen SHAWSHANK REDEMPTION und GREEN MILE, aber auch dem zu Unrecht gefloppten THE MAJESTIC. Darabont auf dem Regiesessel bedeutet, dass ein intimes, zwischenmenschliches Drama zum Epos wird, und weltliche Dimensionen auf ein berührendes Kammerspiel heruntergebrochen werden. Darabont ist Schauspieler-Regisseur, der dabei immer das große Ganze zu berücksichtigen versteht. An seine Seite gesellte sich Gale Anne Hurd, dieses zerbrechliche Frauenwesen, das von seiner Produzenten-Position aus Knaller wie ALIENS, TERMINATOR oder ARMAGEDDON zu verantworten hat. Dank des Bezahlsenders HBO und seiner Bereitwilligkeit, gute Programme auch entsprechend finanziell aufzupeppen, haben sich amerikanische Fernsehformate mittlerweile an gehobenes Kinoniveau angenähert. Der Sender AMC hat die Strategie begriffen und mit MAD MEN vor vier Jahren ein Fernseh-Ereignis kreiert.
 
Frank Darabont war von Anfang an von Kirkmans Comic-Welt THE WALKING DEAD angetan. Schrieb ein Drehbuch für die erste Episode, holte Gale Anne Hurd an seine Seite und wollte das Ganze auch noch produzieren. Und damit auch wirklich niemand nein sagen konnte, bot Darabont an, bei Folge eins auch noch Regie zu führen. Und AMC, mit dem wachsenden Erfolg von MAD MEN gestärkt, griff Anfang des Jahres 2010 begeistert zu. Was folgte, war eine beispiellose Werbe-Kampagne, die mit allem Angriff, was die moderne Kommunikation möglich macht, ausführlicherer Ausschnitt auf der Comic-Con in San Diego inklusive. Mit einem bisher einmaligen Publicity-Stunt geisterten am Tag vor der Sonntagspremiere zeitgleich in sämtlichen Metropolen der Welt Flash-Mob-artig ganze Zombie-Horden durch die Innenstädte.

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Frank Darabont fragt sich nicht, wie dieses Phänomen der auferstandenen Toten möglich ist. Darabont fragt in erster Linie, wie ein rationaler Mensch mit so einer Situation fertig werden kann. Seinen Protagonisten schickt er traumwandlerisch durch die veränderte Welt, wo der nicht in der Lage ist, die Ereignisse rational zu erfassen. Der Provinz-Deputy Rick Grimes wird ebenso traumwandlerisch hervorragend verkörpert von Andrew Lincoln. Mit ihm wird der blutige Horror auf eine schmerzliche Tragödie heruntergebrochen. Erklärungen werden kommen, kein Zweifel, aber Deputy Sheriff Rick Grimes muss erst einmal zu überleben verstehen. Ähnlich wie der Zuschauer die Situation zu begreifen lernen muss. Und man begreift diese absurde Welt als ebenso absurden Fakt, weil sich die Geschichte trotz aller Brutalität auf die Menschen fixiert. Die Pilotfolge beginnt mit drei verschiedenen Einstiegen. Der Erste bereits in der Zeit nach der Apokalypse und mit einem kurzen Ausblick auf die unschönen Seiten des Lebens. Der Zweite skizziert kurz das Leben von Deputy Grimes und seinem Freund und Partner Shane vor dem Ausbruch in ihrer Kleinstadt, in einem nur scheinbar willkürlichen Dialog. Schließlich beginnt die Folge, als Grimes nach einem Unfall aus dem Koma erwacht. Das Krankenhaus wirkt verlassen. Dem nach Erklärungen suchenden Rick Grimes strecken sich durch eine mit Ketten gesicherte Tür nur unnatürlich bleiche und knochige Finger entgegen.

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Der Schlaumeier unter den Lesern schreit natürlich sofort nach Plagiat. Allerdings ist das völlig unangebracht. Den aus dem Koma in eine für ihn katastrophal veränderte Welt erwachende Helden gab es auch schon vor 28 DAYS LATER. Also, Ruhe bewahren. Es ist ein hervorragendes Stilmittel, den richtigen Ton der Serie zu gestalten, ohne sich mit der lauten und chaotischen Szenerie der vorausgegangenen Veränderung auseinandersetzen zu müssen. Der Zuschauer muss die Umstände nicht zwingend erfahren, nicht sofort. Warum auch, der vom Zuschauer begleitete Protagonist findet seine Erklärungen auch erst später. Es wird eine Folge geben, oder zumindest Szenen in einer Folge, wo Erklärungsversuche für die Apokalypse unternommen werden. Davon muss man einfach ausgehen, und sicherlich wird das auch sehr spannend umgesetzt. Doch für den zuschauerbindenden Einstieg bleibt es noch irrelevant.
 
Als guter Ermittler vermutet Rick Grimes nach wenigen Hinweisen, dass seine Frau und der gemeinsame Sohn in Atlanta Schutz gesucht haben müssen. Weil Sprit Mangelware geworden ist, steigt Grimes vom Polizeiwagen aufs Pferd um und macht sich auf den Weg in die Großstadt. Sein vorher abgesetzter Hilferuf über CB-Funk wird in einem Zeltlager außerhalb Atlantas gehört, die Rückrufe kann Grimes allerdings nicht empfangen. An diesem späten Punkt der Episode schlägt die Handlung einen (ersten) Bogen für den weiteren Verlauf, als man Grimes Frau das erste Mal auf einem Foto zu Gesicht bekommt. Grimes Foto seiner Frau, in Bezug auf die Ereignisse im Zeltlager außerhalb Atlantas, werden einige Zuschauer sehr leicht missverstehen. Es kann durchaus passieren, dass man diesem Wendepunkt eine ganz billige Dramaturgie unterstellen wird. Doch Darabonts Drehbuch offenbart dabei seine eigentliche Genialität. Der Anfangs bereits erwähnte, scheinbar willkürliche Dialog, entpuppt sich als sehr wichtige Klammer für die sich später offenbarende Situation.

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Währenddessen reitet Grimes in das sprichwörtlich ausgestorbene Atlanta. Und da muss er umgehend feststellen, dass das Stadtleben eben doch nicht so beschaulich ist, wie auf dem Land. Ausgestorben heißt eben in dieser neuen Welt, Unmengen von wandelnden Toten. Mit einem erdrückenden Cliffhanger endet dieser in allem überzeugende Pilotfilm. Und umgehend schreit der Zuschauer nach mehr.
 
Spärliche Musikuntermalung, elegische Kamerafahrten und exzellente Darsteller. Dass es schwer sein muss, dieses Niveau zu halten, steht außer Frage. Aber es sind Zombies, da ist alles drin. Das Genre ist alles andere als neu, also gibt es Szenen, die man schon einmal gesehen hat, und es wird im Verlauf der Serie noch einige Szenen geben, die man andernorts schon besser inszeniert gesehen hat. Möglich. Aber gerade mit diesem Pilotfilm ist es ebenfalls durchaus möglich, dass diese Toten auf vollkommen neuen Wegen wandeln werden. Es wird sich zeigen.

Schon jetzt kann man sagen, dass AMC mit diesem Programm eine Vorreiterrolle übernommen hat, wo Nacheiferer nicht sehr lange auf sich warten lassen dürften. Die Freizügigkeit, mit der Gewalt mittlerweile im Fernsehen vermittelt wird, hat für das Horror-Genre ein sehr weites Feld geöffnet. Und gerade für den gemeinen Zombie ist das Fallen der restriktiven Grenzen von graphischer Gewalt von größter Wichtigkeit. Denn was hat der Zombie schon zu bieten?  Ihm fehlt ja die Magie eines Vampirs, oder die Faszination über die derbe Männlichkeit von Werwölfen. Der Zombie fault, stinkt und beißt sich so durchs Leben. Gregory Nicotero hat sich als neuer Hohepriester für Special-Makeups einiges für WALKING DEAD einfallen lassen.

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Selbstverständlich explodieren da die einen oder anderen Köpfe, die Sache will es. Aber Nicoteros Konzept des wandelnden Toten sieht gleichzeitig eine Annäherung der eigentlichen Fressmaschinen an einen eigenständigen Charakter vor. In den Massenszenen mit hunderten und mehr Zombies werden die Statisten in drei Kategorien von unterschiedlich ausführlichem Make-up und Kostüm eingeteilt, um den Aufwand im finanziell vertretbaren Rahmen zu halten. Im Bildhintergrund die kaum erkennbaren Figuren, ohne prothetische Veränderungen. Im Mittelbereich des Kamerabildes tummeln sich die schon etwas differenzierteren Kollegen mit größeren, aber noch nicht aufwändig geschminkten Verwundungen und Abnutzungserscheinungen. Der gruselige Clou liegt in den gut ins Bild gesetzten Zombies, wo jede Figur als Überrest eines tatsächlich menschlichen Individuums erkennbar sein muss. Dieses verwesende Bündel des erhobenen Zeigefingers der Sterblichkeit als eigenständiger Charakter. Das verfehlt nicht seine Wirkung.

Der Einstieg der sechsteiligen Staffel ist jedenfalls gelungen. Die ungewöhnliche Laufzeit von 65 Minuten verdeutlicht, wie viel Rücksicht auf die Atmosphäre und das richtige Tempo genommen wurde. Weder wollte man diesen Appetithappen in die 45-Minuten-Schablone pressen, noch mit Unsinnigkeiten auf 90 Minuten aufblasen. Auf vielen Seiten kann man eine Laufzeit von 90 Minuten nachlesen. Das ist aber dem eigenartigen Umstand zu verdanken, dass in Amerika stets die Programmlänge angegeben wird, die Werbung also mit eingerechnet wird. Die restlichen Folgen werden mit einer regulären Laufzeit von zirka 45 Minuten angekündigt. Aber man kann es wirklich verkraften, sollten sich die Macher für eine längere Laufzeit entscheiden. Wenn sie qualitativ halten können, was sie mit dem Pilotfilm versprochen haben, kann es nicht lange genug gehen.

Man denke nur an diese eine Szene: Deputy-Sheriff Rick Grimes mit einem Zombie im Park. Ein wahrliches Gänsehaut-Erlebnis, wie es Fernsehen nur ganz selten gelingt. Da hat sich wirklich etwas eingebrannt.

THE WALKING DEAD Poster 2THE WALKING DEAD: DAYS GONE BY
(Pilotfilm zur Serie)
Darsteller: Andrew Lincoln, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Jeffrey DeMunn, Steven Yeun, Chandler Riggs u.a.
Regie und Teleplay: Frank Darabont nach den Comics von Robert Kirkman (auch Produzent)
Kamera: David Tattersall
Originalmusik: Bear McCreary
Bildschnitt: Hunter M. Via
Produktionsdesign: Gregory Melton
Special-Makeup-Effects: Greg Nicotero
USA 2010 - ca. 65 Minuten

 

Bildnachweis: Poster und Promo-Fotos Copyright 2010 AMC, Circle of Confusion, Valhalla Motion Pictures

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