THE WALKING DEAD: GUTS - ausgeweidet und gespoilert

Comic Con Promo THE WALKING DEADAutor: Bandit

Der Deutschlandstart dieser Serie verlief enttäuschend. Der über das Paket von Sky empfangbare FOX-Channel strahlte die Pilotfolge im falschen Bildformat aus, was nur durch experimentelle Einstellungsversuche an Decoder und Bildschirm in den Griff zu bekommen war. Zudem fehlte die angekündigte englische Tonspur. Doch bleibt die Hoffnung, dass die Fehler im Format und Ton vielleicht nur regional bedingt waren.

Wesentlich schlimmer: Die erste Folge war um 20 Minuten kürzer als in der amerikanischen Erstaustrahlung. Nicht etwa, dass man dem Zuschauer die Grausamkeiten ersparen wollte, ganz im Gegenteil, man kürzte an Dialogen und innerhalb der Szenenabläufe. Allein die viereinhalbminütige Einstiegssequenz war um zwei Minuten gestrafft. Erklärungen findet man weder bei Fox noch in irgendwelchen Foren. Kein guter Start, wenn man sich ein Publikum schaffen will. Noch dazu ein sehr begieriges Publikum, das in den letzten sechs Monaten richtig heiß gemacht wurde. Sehr, sehr ärgerlich. Ein Mensch wie Frank Darabont hat seinen guten Ruf nicht von ungefähr, deswegen sollte man annehmen, dass er sich vielleicht etwas dabei denkt, Szenen auf gewisse Längen hin zu konzipieren.

Im herkömmlichen Serienformat von 45 Minuten geht es bei WALKING DEAD in die zweite von sechs Runden, allerdings in diesem Sinne auch so angedacht. War Episode eins eine episch ruhige Erfassung von Exposition und Status quo, fließt die zweite Episode in gewöhnlicheren Serienwassern. Wobei die Wortwahl »gewöhnlich« mit äußerster Vorsicht zu genießen ist. Was man bei GUTS sieht, hat man so noch nicht in einer Fernsehserie gesehen. Das englische »Guts« im Titel steht dabei für alle seine verschiedenen Bedeutungen im Deutschen, aber am auffälligsten für das Gedärm.

In einer Art sanften Übergangs hat Frank Darabont auch für diese Episode das Drehbuch verfasst, den Regiestuhl aber Michelle MacLaren überlassen. MacLaren hat schon in verschiedenen Spannungsserien Regie geführt, ist aber eher als Produzentin für HARSH REALM, den X-AKTEN, etlichen Fernsehfilmen und der ebenfalls von AMC gemachten Serie BREAKING BAD aufgefallen. Ihre bisherige Arbeit mit Thriller- und Horrorelementen ist ganz offensichtlich und hörbar für WALKING DEAD von unschätzbarem Wert.

Aber welch trauriger Schnitzer schleicht sich da gleich zu Beginn ein? Mit einer vom Handlungsverlauf losgelösten Sequenz beginnt auch diese Episode. Aber muss es denn unbedingt eine Frau sein, die alleine zum Pilzesuchen in den Wald geht? Noch dazu handelt es sich um die Angetraute unseres Helden Rick Grimes. Welcher Drehbuchschreiber schickt nach einem Zombie-Ausbruch eine Frau alleine in den Wald und erschreckt sie dann auch noch mit knackenden Zweigen? Und wer glaubt, dass Lori Grimes wirklich in Gefahr ist, wenn sie ihrem Mann noch nicht begegnet ist? Beide haben da ja noch einiges zu klären. Es ist ein lausiger Spannungsmoment, der ziemlich billig wirkt und deshalb mehr verärgert, als er unterhält.

Um ein Vielfaches spannender ist Deputy Grimes‘ Flucht aus dem Panzer, in den er sich vor den Menschenfleisch fressenden Horden retten musste. Er trifft auf eine Gruppe, die zu dem Lager außerhalb der Stadt gehört, in dem sich Lori und Ricks Kumpel und Kollege Shane befinden. Ach nein, Lori und Shane befinden sich ja nicht im Lager, sondern in verfänglichen Positionen auf dem Waldboden. Durch Grimes unvorsichtiges Verhalten am Panzer werden die wandelnden Toten auch auf die Gruppe aufmerksam, die sich bisher unauffällig in der Stadt aufhielt, um sich mit Proviant zu versorgen.#

Cast THE WALKING DEAD

Oberflächlich betrachtet ist Folge zwei eine einfache Cut-and-run-Episode, wobei auch hier das »Cut« in seiner eigentlichen Bedeutung zu verstehen ist. Doch die Folge zeigt auch behutsam Rick Grimes‘ Entwicklung in dieser für ihn neuen Welt. Aus dem lethargisch seinem Ziel folgenden Familienvater bricht langsam die Führungspersönlichkeit heraus, die er als Deputy-Sheriff auch haben sollte. Doch in einer aus den Fugen geratenen Welt die Oberhand zu behalten ist sehr schwer. Es gibt eben nicht mehr viele Menschen, die sich Typen wie Merle Dixon entgegenstellen, einem rassistischen und rücksichtslosen Proleten direkt aus dem Redneck-Handbuch. Michael Rooker verkörpert diesen fiesen Sack mit fieser Finesse. Noch bevor er seine Tiraden beendet hat, möchte man ihn schnellstens vom Dach schubsen. Grimes hingegen fesselt ihn mit Handschellen an ein Stahlgestell. Unglückliche Umstände führen dazu, dass er dort auch noch eine ganze Weile gefesselt bleiben wird.

Der Zombie der Woche ist William Dunlap. Dunlap nimmt hier die Stellung des sogenannten Bike-Girls aus dem Pilotfilm ein. Es ist dieser emotionale Faustschlag, den man in einer absolut ekelerregenden Sequenz einfach nicht erwartet. Um an einen entfernt stehenden LKW zu kommen, möchte sich Grimes mit Blut und Innereien eines Zombies eindecken, um von den Wandlern auf der Straße nicht als lebende Beute gerochen zu werden. Sein neuer Kumpel Glenn muss ihn dabei unterstützen, damit die sechsköpfige Gruppe endlich aus der Stadt verschwinden kann. Um sich notwendiges Verschleierungsmaterial zu besorgen, muss man natürlich einen Zombie erst mal zerlegen, und das geschieht hier nicht fachgerecht. Aber bevor der erste Axthieb niedergeht, beugt sich Grimes unvermittelt nach unten, greift nach der Geldbörse des vermeintlichen Lieferanten von Todfleisch und liest der Gruppe den Namen auf dem Führerschein vor. Rick Grimes gibt dem vormals wandelnden Toten seine Würde zurück, er verdeutlicht ihn selbst als Opfer dieser unglaublichen Ereignisse. William Dunlap wird wieder zu einem Menschen, auch wenn er anschließend weniger schönen Dingen zum Opfer fallen wird.

Der Blutgehalt in dieser Folge ist enorm und kein Vergleich zu der nun als milde anzusehenden Pilotfolge. Dabei arbeiten die Effekte-Leute nicht einfach nur mit extrem grafischen Darstellungen, sondern leisten auch auf der Ton-Ebene einen höchst schaurigen Beitrag. Wenngleich Musik sehr selten und nur unterschwellig eingesetzt wird, sind Baseballschläger auf Schädeldecken und Äxte in Kinnladen wunderbar zu hören. Da wird an Volumen nicht gespart. Auf diese Art verdoppelt man leicht die Zahl der Grausamkeiten, ohne diese wirklich alle zeigen zu müssen. Wobei man eigentlich auch nicht an dem gespart hat, was der Zuschauer zu sehen bekommt.

Oberflächlich betrachtet, ist Folge zwei also tatsächlich nur eine einfache Cut-and-run-Episode. Aber was die Macher alles mit hineingepackt haben, ist erstaunlich. Da bedarf es keiner philosophischen Ausschmückungen oder des moralischen Zeigefingers. Bis auf den leidlichen Anfang werden auch weitgehend Serien-Standards und Inszenierungsklischees umgangen. Trotzdem oder vielleicht auch deswegen transportiert auch diese zweite Folge sehr viel an emotionalem Gehalt. Und der ergibt sich aus den kleinen Gesten und unaufdringlichen Dialogen, die sich dieser grausam kalten Welt entgegenstellen.

Ganz großes Kino für den kleinen Bildschirm.

THE WALKING DEAD: GUTS
Staffel 01 Episode 02
Darsteller: Andrew Lincoln, Laurie Holden, Michael Rooker, IroniE Singleton, Steven Yeun, Jeryl Prescott, Jon Bernthal, Sarah Wayne Callies, Emma Bell, Jeffrey DeMunn, Chandler Riggs u.a.
Regie: Michelle Maxwell MacLaren
Teleplay: Frank Darabont nach den Comics von Robert Kirkman (auch Produzent)
Kamera: David Boyd
Originalmusik: Bear McCreary
Bildschnitt: Julius Ramsay
Produktionsdesign: Gregory Melton
Special-Makeup-Effects: Greg Nicotero
USA 2010
zirka 45 Minuten
AMC

Bildquellen:

Promofotos und Poster Copyright 2010 AMC

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