Jim Butcher – CHANGES

Cover CHANGESDass ich ein großer Verehrer des Autoren Jim Butcher und Fan seiner Buchreihe THE DRESDEN FILES bin, dürfte für Leser meiner Seiten nichts Neues sein. Ich verweise auf meinen einführenden Artikel zur Serie.

Der letzte Band, erschienen im April, trägt den Titel CHANGES und das ist in diesem Fall nicht nur ein Buchtitel, sondern Programm. Butcher würfelt das Dresdenversum kräftig durcheinander.

Bisher waren alle Romane sehr lesbar, es gab bessere und schwächere, aber selbst die schwächeren waren immer noch auf einem Niveau schwach, das deutlich über vergleichbaren Vertretern des Genres lag. Selbst wenn die Story vielleicht nicht ganz so zünden wollte, wie andere, blieb einem immer noch der Protagonist mit seinen Sprüchen und den populärkulturellen Anspielungen, die Nerds so erfreuen.

Bei CHANGES stellt sich die Frage nach der Qualität im Vergleich zu den Vorgängerbänden erst gar nicht – Butcher zieht hier in einer Art vom Leder, wie er es bislang noch nie getan hat, leitet eine tour-de-force ein, die es trotz aller fast-Apokalypsen in den Vorgängern so noch nicht gegeben hat und scheut es sich nicht, auch Liebgewonnenes auf dem Altar der Story zu opfern.

Diese Besprechung ist wieder mal keine leichte, denn man darf wenig bis gar nichts von der Story vorwegnehmen, möchte man dem Leser nicht den Lesespaß vergällen. Deswegen muss ich auch bei dieser Rezension wieder in einer Gratwanderung wenige Informationen und vor allem viele Nicht-Informationen vor dem Leser ausbreiten – es ist zu eurem Besten. Hier zu spoilern wäre unverzeihlich.

Wie in den letzten Romanen üblich, wird man gleich mit dem ersten Satz sofort und ohne jegliche Vorwarnung in die Handlung geworfen.

»Harry, wir müssen unsere Tochter retten!«

Klappentext:

Long ago, Susan Rodriguez was Harry Dresden's lover-until she was attacked by his enemies, leaving her torn between her own humanity and the bloodlust of the vampiric Red Court. Susan then disappeared to South America, where she could fight both her savage gift and those who cursed her with it.

Now Arianna Ortega, Duchess of the Red Court, has discovered a secret Susan has long kept, and she plans to use it-against Harry. To prevail this time, he may have no choice but to embrace the raging fury of his own untapped dark power. Because Harry's not fighting to save the world...

He's fighting to save his child.

Auch wenn in den vorangegangenen Romanen der Reihe immer wieder auf geschehene Ereignisse und bekannte Personen zurück gegriffen wurde, so waren diese doch im großen und Ganzen eigenständige Geschichten, bei denen man einen Meta-Plot erahnen konnte. Dieser verdichtete sich in den letzten Romanen und man hätte davon ausgehen können, dass das Black Council abtrünniger böser Magier in CHANGES eine zentrale Rolle einnehmen würde.

Weit gefehlt.

Dennoch ist dieser Band eine Melange aus den Versatzstücken der Vorgänger, er bedient sich ausgiebig in der Historie des Protagonisten und bringt Personen, Organisationen und Objekte wieder zum Vorschein und in einen Zusammenhang, wie das in diesem Maße in der Reihe bislang noch nicht geschehen ist und erzählt dennoch eine eigenständige Geschichte.

Das ist aber auch kein Wunder, immerhin geht es um das Kind von Harry und seiner Exflamme Susan Rodriguez, die Harry und die Romanreihe schon recht früh verließ (man kann nur davon ausgehen, dass das in dieser Form geplant war). Die Hintergründe für diese Entführung und was sich daraus für Implikationen ergeben sind logischerweise die hautpsächliche Handlung des Romans und ich sage dazu nichts weiter. Auch wenn es diesmal scheinbar mal nicht um die Rettung der Welt geht, bleiben die Geschehnisse – insbesondere je weiter man im Roman vordringt – nichts weniger als apokalyptisch zu nennen.

Wikipedia:

Apokalypse (griechisch: αποκ?λυψις, »Enthüllung«, »Offenbarung«) ist eine thematisch bestimmte Gattung der religiösen Literatur, die »Gottesgericht«, »Weltuntergang", »Zeitenwende« und die »Enthüllung göttlichen Wissens« in den Mittelpunkt stellt. In prophetisch-visionärer Sprache berichtet eine Apokalypse vom katastrophalen »Ende der Geschichte«

Und genau darum geht es hier. Eine Zeitenwende, ein Ende der Geschichte. Nach diesem Roman wird nichts mehr so sein wie zuvor, wird sich das Dresdenversum grundlegend verändert haben, wird der Leser mehrmals geschluckt haben wenn er feststellt, wer oder was da eben in Flammen aufging oder anderweitig aus der Existenz katapultiert wurde.

Glücklicherweise schafft es Jim Butcher, den bekannt lockeren Stil der Romane beizubehalten, lässt sich nicht vom allzu epischen überwältigen und den Spaß bei der Sache vergessen; Harry klopft nach wie vor seine flapsigen Sprüche und liefert sich Wortgefechte mit Freund wie Feind. Und wieder einmal ignoriert er auch eine typische Vorgabe für Autoren, wie sie insbesondere in Deutschland bei der Unterhaltungsliteratur noch gern als Gesetz verkauft wird: Action muss schnell gehen und es darf keine Zeit für Reflektion bleiben, der Protagonist darf nicht während eines Kampfes mit dem Philosophieren anfangen.
Dankenswerterweise hält sich Butcher nicht daran und Harry denkt und philosophiert wie gewohnt auch mitten in spannenden Kämpfen gern mal, was das Zeug hält. Magietheorie oder Ethik werden in ein paar Sätzen abgehandelt, während der Leser eigentlich Fingernägel kauend darauf wartet, zu erfahren, ob Harry Dresden den aktuellen übermächtigen Gegner nun schafft und erledigt, oder nicht. Denn der Leser weiß aus Erfahrung: der Protagonist gewinnt eben nicht immer.

Mehr als die anderen ist dieser Roman ein ständiges Auf und Ab, ein ständiges Wechselspiel von Erfolgen und üblen Rückschlägen, von alten Verbündeten und falschen Verbündeten, die Hilfe ablehnen, oder – oft schlimmer – sie gewähren. Für einen Preis. Hinzu kommt, dass es diesmal um etwas sehr persönliches geht, wie es persönlicher kaum zu werden vermag: Die Rettung seines eigenen Fleisches und Blutes – was sollte ihn mehr motivieren?

Butcher macht es Harry nicht leicht, er macht es ihm sogar schwer, deutlich schwerer als in den bisherigen Romanen bis hin an den Rand seiner ethischen und körperlichen Toleranz und auch darüber hinaus.

Das zeichnet diesen Roman aus wie keinen anderen der Reihe zuvor: dadurch dass er in derartige Extreme geht, ist er so überaus spannend und es ist nahezu unmöglich, ihn aus der Hand zu legen.

Wer die Reihe verfolgt hat, bekommt mit CHANGES ganz ohne Frage den bisher besten Dresden.

Wer die Reihe bis hierher nicht verfolgt hat, der sollte die vorangegangenen Bücher zuerst alle lesen, denn viele Informationen und Personen aus den anderen Romanen sind wichtig, nicht um CHANGES an sich zu verstehen, aber um in den Genuss des gesamten Bildes zu kommen, um verstehen zu können, wie viel Geschirr hier wirklich zerschlagen wird und um daran angemessen emotionellen Anteil nehmen zu können.

Es wird geklotzt, nicht gekleckert. Um in Harrys populärkulturellen Analogien zu bleiben: CHANGES ist (allerspätestens gegen Ende) wie die Endschlacht aus dem HERRN DER RINGE, gemischt mit dem Angriff auf den Todesstern. Episch.

Und als der letzte Buchstabe gelesen war, da war ich so sprachlos, wie schon lange nach keinem Buch mehr. Noch nie hat ein Harry Dresden-Roman mit einem Cliffhanger geendet. Dieser tut es. Und das ist wohl einer der ärgsten Cliffhanger, die mir als Leser je zugemutet wurden – wissend, dass es bis zum Erscheinen des nächsten Romans mindestens ein Jahr Zeit braucht. Wenn nicht länger. Argh!

Ich bin immer noch fassungslos...

BEST! DRESDEN! EVER!

CHANGES
A Novel Of The Dresden Files
Jim Butcher
Urban Fantasy
Hardcover
erschienen am 6. April 2010
448 Seiten, ca. 19 Euro
ISBN-10: 045146317X
ISBN-13: 978-0451463173
RoC

Coverabbildung Copyright 2010 RoC

Links:

jim-butcher.com

Jim Butcher in der deutschsprachigen Wikipedia

Jim Butcher in der englischsprachigen Wikipedia

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