Hau drauf, Holmes! - Guy Ritchies SHERLOCK HOLMES

DVD Cover SHERLOCK HOLMESAls erstmals ruchbar wurde, dass gerade Guy Ritchie sich des von manchen als sakrosankt angesehenen Themas Sherlock Holmes annehmen würde, waren die Zweifler nicht weit. Immerhin zeichnen sich die Filme des Regisseurs durch einen gewissen Stil aus, der so gar nicht zur Figur  von Arthur Conan Doyles stilvollem genialen Gentleman passen wollte und man fragte sich, wie der klassische Stoff wohl umgesetzt werden würde.

Nachdem ich ihn im Kino leider verpasst habe, bin ich nun endlich dazu gekommen, mir den Film mal anzusehen und muss zugeben: ja, Ritchie hat sich definitiv nicht an den vorhandenen filmischen Vorlagen orientiert, sondern zeigt einen ganz anderen Holmes, einen Holmes, der nicht nur auf Bruyére-Pfeife und Deerstalker-Hut verzichtet, sondern auch in seinem Gehabe deutlich … forscher ist, als die bisher gesehenen Vorbilder.

Ich muss vorweg schicken, dass ich klischeebeladene Filme mag und mich deswegen auch in Genres wie Mantel und Degen oder Pulp/Cliffhanger durchaus zu Hause fühle. Aufgrund der Rahmenbedingungen dieser Genres zeichnen sich diese nicht eben durch Realitätsnähe aus und triefen von Klischees und eigentlich Unsinnigem. Wer sich solche Filme unter dem Aspekt des Realismus und/oder des Anspruchs ansieht, der kann nur enttäuscht werden – und man fragt sich, warum solche Personen sich diese Streifen überhaupt ansehen, wäre doch für Anspruchsfans ein französischer Kritikerfilm sicher besser geeignet.

Sherlock HolmesÄhnliches gilt für den vorliegenden SHERLOCK HOLMES. Bereits die Trailer wiesen eindeutig darauf hin, womit man es zu tun bekommen würde; wer auf solcherlei Filme – pures Popcornkino - nicht steht, sollte ihnen fernbleiben oder zumindest hinterher nicht über fehlenden Anspruch lamentieren.

Ja, HOLMES ist laut, HOLMES ist unrealistisch und HOLMES hat mit der Romanvorlage wenig zu tun (wenn auch lange nicht so wenig, wie von vielen Kritikern bemängelt wird).

Ja und?

Angekündigt war ein viktorianisches Pulp-Abenteuer mit kleinen Steampunk-Anleihen, nicht eine Basil Rathbone-Kopie.

Es machte mir eine Menge Spaß, dabei zuzusehen, wie eine skurrile Männerfreundschaft dargestellt wurde, die einer Belastungsprobe unterzogen wird, weil sich dummerweise einer der beiden in den Kopf gesetzt hat, zu heiraten. Abgesehen von der eigentlichen Handlung war das Zusammenspiel von Downey jr. und Law mit seinen zahllosen kleinen Nuancen und Mundwinkelverziehern der eigentliche Spaß an diesem Film. Wäre das nicht gewesen, hätte die Gefahr bestanden, dass SHERLOCK HOLMES in Oberflächlichkeit versunken wäre, mit diesen Nuancen wird zwar immer noch kein Meisterwerk daraus, aber immerhin ein solider Abenteuerfilm mit Action und Spaß, bei dem man den Darstellern in jeder Sekunde anmerkt, dass auch sie entweder offensichtlich mit Freude bei der Sache waren, oder das zumiundest gur vortäuschen konnten (was ausreicht).

Mark Strong als Lord BlackwoodIch will an dieser Stelle auch gar nicht viele Worte über die beiden Hauptdarsteller, eben Robert Downey jr. und Jude Law verlieren, ersterer kann wahrscheinlich auch das Telefonbuch kurzweilig darstellen. Erwähnenswert fand ich noch Mark Strong in der Rolle des Mieslings, in der er mir mit seinem illuminatig-ölig-überheblichen Gehabe ausgesprochen gut gefallen hat und eine erstklassige Besetzung darstellte.
Bei anderen Schauspielern konnte ich die Wahl nicht so gut nachvollziehen, beispielsweise beim Innenminister, der für den Posten nicht nur viel zu jung war, sondern die Position auch nicht glaubwürdig verkörpern konnte.
Kritik habe ich auch an Rachel McAdams als Irene Adler gelesen, hier würde ich persönlich allerdings weder Positives noch Negatives bemerken wollen, die Leistung war schon okay und ist ausbaufähig. Problematisch ganz sicher, dass der zentrale Punkt in diesem Film eben der geniale Egomane Sherlock Holmes ist und den anderen Darstellern vergleichsweise wenig Platz zum Atmen ließ. Schön aber, wie er in Adlers Gegenwart zum verliebten Semi-Trottel degenerierte.

Die Musik ging soweit in Ordnung, hat mich aber nicht so weit vom Stuhl gehauen, dass ich mir sofort den Soundtrack gekauft habe, wie ich das sonst nach mich ansprechenden Filmen bisweilen tue. Schön die Boxkampfszene zu „Rocky Road To Dublin“, das steht allerdings schon in diversen Fassungen im CD-Regal.

Irene AdlerUm nochmal auf die angeblich so abweichende Holmes-Darstellung zurück zu kommen: Der von Doyle beschriebene Sherlock war ein brillianter logischer Denker, an der Grenze zum Autismus oder zumindest durch seine Geistesgaben ein Außenseiter, der Probleme hatte, sich innerhalb anerkannter Parameter in die menschliche Gesellschaft zu integrieren. Das auch der Grund, warum er so an seinem einen Freund Doktor Watson hing: mit diesem kam er zurecht und dieser konnte ihm zumindest halbwegs das Wasser reichen. Ansonsten war Holmes drogensüchtig (nach Morphium und Kokain, damals noch keine verbotenen Substanzen, aber ihre schädliche Wirkung war bereits bekannt). Und auch ganz klar ist, dass Holmes nicht nur einige für die Zeit typische Vorurteile und Chauvinismen pflegte, sondern auch ernsthafte Probleme mit dem anderen Geschlecht hatte.

Sherlock Holmes war also keineswegs die Lichtgestalt, als die er in vielen Verfilmungen immer dargestellt wurde. Ritchie hat die negativen Seiten des berühmten Detektivs stärker beleuchtet als andere vor ihm, ohne ohne die Figur dabei zu einem Unsympathen zu machen. Eine Werkinterpretation, oder eben eine Charakterinterpretation, mit der man nicht glücklich sein muss, die man aber zumindest eben als Interpretation stehen lassen kann, ohne gleich einen Verrat am Werk zu bemäkeln, wie es diverse Kritiker taten.

[Nachtrag:] Und wer der Ansicht ist, dass Dolyes Holmes nicht kloppen konnte (und das auch nicht tat), der sollte sich mal über die von diesem laut den Originalerzählungen ausgeübte Kampfsportart Bartitsu kundig machen...[Nachtrag Ende]

Holmes & WatsonUnd dann war da noch die angeblich vorhandene und von diversen Schlaubergern kolportierte homoerotische Komponente zwischen Holmes und Watson... Es tut mir Leid, aber ich weiß ernsthaft nicht, welchen Film die gesehen haben. SHERLOCK HOLMES kann es nicht gewesen sein, denn da existiert zwar eine Männerfreundschaft aber alles was darüber hinaus geht, ist sowas von herbeiphantasiert und aus der Luft gegriffen, dass es weh tut.

Als Kritikpunkt möchte ich anbringen, dass an ein paar Stellen die Greenscreen-Szenen mit reingerenderten CGIs auffielen. Insbesondere beim Showdown wirkten ein paar Bilder leider etwas unrealistisch, ich hatte den Eindruck, dass man auf der Tower Bridge-Baustelle bei den Schwenks Vordergrund und dazu gerechnete Computerbilder nicht immer ganz sauber synchronisiert hatte.

Noch ein paar Worte zur Qualität der DVD: Ich hätte mich zum einen gefreut, ein breiteres Format als 16:9 zu sehen, die Formatkonvertierung sah aber so weit – ohne das Original zu kennen – okay aus. Zum anderen war der Kontrast der DVD so schlecht, dass man es fast schon einen Unverschämtheit nennen könnte. Verwundert darüber hatte ich noch eine andere DVD zum direkten Vergleich eingelegt, da ich schon die Befürchtung hegte, die Beamerlampe würde langsam schlapp machen, aber dem war nicht so, der Kontrast war nur bei der Holmes-Silberscheibe miserabel. Der Effekt wurde leider durch die grundlegende Farbgebung des Films noch verstärkt, der mit sanften, dekolorierten Tönen daher kam, die die Stimmung zwar deutlich unterstrichen, durch die Kontrastarmut jedoch ins Flaue tendierten. Schade eigentlich denn die Farbstimmung an sich war gut. Da es die DVD inzwischen bereits auf dem Grabbeltisch zu erwerben gibt, ging das gerade noch in Ordnung, eine Vollpreis-Scheibe hätte ich mit dem Kontrast zurück gegeben.
Am Ton war nichts auszusetzen, insbesondere die Mischung zwischen Stimmen und Soundeffekten, bei anderen Filmen schon mal ein Ärgernis – besonders für die Nachbarn, war gut gelungen. Etwas schwach fand ich die Bestückung mit Specials, da fand sich gerade mal ein Making Of.

WatsonAbschließend ist mein Fazit: schöner und unterhaltsamer Abenteuerfilm ohne den Anspruch ein Meisterwerk sein zu wollen, den ich jedem Genrefan uneingeschränkt empfehlen würde, gerade wegen seiner offensichtlichen Klischees und wegen seines augenzwinkernden Abweichens vom etablierten Holmes. Man bekommt eben nicht den zwölften Aufguss, sondern mal was anderes. Fanatische Holmes-Anhänger die mit einem kloppenden Actionhelden nichts anfangen können, bleiben lieber fern.

SHERLOCK HOLMES
Deutschlandstart: 28. Januar 2010
Premiere: 25. Dezember 2009 (USA)
FSK: ab 12    
Genre: Action
Länge: 128 min
Land: USA
Darsteller: Robert Downey Jr. (Sherlock Holmes), Jude Law (Dr. John Watson), Rachel McAdams (Irene Adler), Mark Strong (Lord Blackwood), Kelly Reilly (Mary), William Hope (John Standish), Eddie Marsan (Inspector Lestrade), James Fox (Sir Thomas)
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Guy Ritchie, Mike Johnson

DVD:
Sprache: Deutsch (Dolby Digital 5.1), Englisch (Dolby Digital 5.1)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Bildseitenformat: 16:9 - 1.77:1
FSK: Freigegeben ab 12 Jahren
Studio: Warner Home Video - DVD
Erscheinungstermin: 28. Mai 2010
Spieldauer: 123 Minuten
DVD ist kopiergeschützt, lief aber in meinem Computerlaufwerk

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Bildnachweis:

DVD-Cover Copyright Warner Home Video
Promo-Fotos: Copyright Warner Bros.
 

Es gab Kritiker, die im Brustton der Überzeugung jammerten, das dieser Holmes nun überhaupt nichts mehr mit der Figur von Doyle zu tun hat. Du relativierst dies etwas.
Ich möchte dennoch anmerken, das ich nach dem Film zu dem Band ADVENTURES OF SHERLOCK HOLMES mit zwölf Kurzgeschichten gegriffen habe, meine erste Leseerfahrung zu dem brillanten Detektiven. Und was muss ich sagen, Doyle beschreibt seinen Hauptcharakter genau so, wie ihn Ritchie in seinem Film darstellt. Ob nun die analytische Aufteilung der Schläge während des Boxkampfes, oder das Geschick seiner Wandlungsfähigkeit bei der Verfolgung eines Verdächtigen. Seine Manierismen, das Verhältnis zu Watson.
Was immer der Film gezeigt hat, (bis auf die schlechten Effekte am Ende) findet sich genau so in den Geschichten wieder. So sage ich im Brustton der Überzeugung, das noch keine Holmes-Verfilmung so nah an der vom Autor erdachten Figur war, wie bei dieser Verfilmung. Lest die Bücher. Überzeugt Euch.

I beg to differ. :o)

Ich habe bereits einige Holmes-Geschichten im Original gelesen (Project Gutenberg machts möglich) und mir auch soeben nochmal die post-Wasserfall-Geschichten herunter geladen.

Du hast natürlich grundsätzlich damit recht, dass Ritchie sich tatsächlich bei einigen monierten Punkten auf konkret vorhandene Inhalte der Vorlage bezog, allerdings hat er dabei andere außen vor gelassen. Holmes wird nicht als versoffener, auf dem Teppich schlafender Rüpel dargestellt, er hat durchaus Umgangsformen - und hier unterscheidet sich der Film von der Vorlage.

Stört aber nicht. :o)

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