Essener Spieletage SPIEL 2010 – Im Westen nicht viel Neues

Logo SpielAuch in diesem Jahr trieb es mich natürlich wieder zusammen mit Freunden auf die SPIEL in Essen, immerhin die größte europäische Verkaufsmesse für Gesellschafts- und Rollenspiele. Um es bereits vorweg zu nehmen: mir fehlten in diesem Jahr etwas die »großen« Innovationen, irgendwie hatte man bei vielen der vorgestellten Produkte den Eindruck, das schon einmal genau so oder in ähnlicher Form gesehen zu haben. Oder man konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass ganz alter Wein in nicht ganz so alten Schläuchen angeboten wurde, aber die Schläuche waren immerhin knallbunt lackiert worden...

Wie immer besuchte man die Messe nicht nur wegen der feilgebotenen Spiele sondern auch wegen des Events und zum Treffen der einschlägig bekannten Freunde. Das ist auch gut so, denn insbesondere in diesem Jahr ließ sich ein Gefühl der Stagnation nicht ganz unterdrücken und ich hatte die Empfindung, dass bei den Ausstellern alte Bekannte fehlten und die Preise allgemein höher waren als in den letzten Jahren.

 

Monopolistisches in elektronisch und rund (und überflüssig)

Monopoly RevolutionAls Lachnummer dieses Jahres möchte ich gleich zu Anfang MONOPOLY REVOLUTION von Hasbro deklarieren. Der Urvater der Wirtschafts-Spiele hat ja nun bereits einige Jahre auf dem Buckel (und mir ohne massive selbsterfundene Regelerweiterungen sowieso nie so recht gefallen) und auch diverse Themen-Variationen wie STAR WARS oder ähnliche konnten den Kommerz-Muff abseits der Optik nicht so recht entfernen. Angesichts der Weltwirtschaftskrise fragt man sich ohnehin, wie das Spiel noch Anhänger finden kann, Pleitegeier muss man schließlich nicht auch noch im Brettspiel haben, es sei denn, das wäre kritisch-sarkastisch umgesetzt, so dass einem wenigstens das Lachen im Halse stecken bleibt...
Monopoly RevolutionMONOPOLY REVOLUTION wird dann seinem revolutionären Namen auch nicht gerecht, denn tatsächlich hat sich am Ablauf eigentlich nicht viel geändert. Die erste »bahnbrechende« Revolution ist die Tatsache, dass das Spielfeld nun nicht mehr quadratisch sondern kreisrund ist und auch die Spielfelder im Kreis angeordnet sind. Na toll... Die andere eher albern anmutende Neuerung ist, dass dem Spiel eine Art elaborierter Taschenrechner beiliegt, dieser ersetzt Bank und Spielgeld, denn stattdessen wird bargeldlos mit Chipkarten gearbeitet, von denen jeder Spieler eine erhält. Genau, bringt schon den Kindern spielerisch den Umgang mit Plastikgeld bei...
Fazit: als neue Variante des alten Spiels so sinnvoll wie ein Kropf und natürlich da von Hasbro auch nicht ganz preiswert: der UVP liegt bei sagenhaften 60 Euro (wahrscheinlich wegen des in China für ein paar Cent produzierten Pseudo-Bankomaten), bei Amazon erhält der unverbesserliche MONOPOLY-Fan das Machwerk für immerhin nur noch 40 Euro.

MONOPOLY REVOLUTION
2 – 6 Monopolisten ab acht Jahren
Hasbro
1. August 2010
ca. 40 bis 60 Euro
Link zum Hersteller (da gibt's zwar MONOPOLY DISNEY und MONOPOLY SPONGEBOB, aber REVOLUTION ist noch nicht im Angebot... peinlich!)
Link zu Amazon

Rumschlauen für Zocker

Trivial Pursuit Wissen & WettenBleiben wir noch ein wenig bei Hasbro: einem anderen von deren Spielen konnte ich schon immer eine Menge abgewinnen, immerhin ist das Rumschlauer-Spiel TRIVIAL PURSUIT (der Link führt zur Wikipedia, falls jemand die letzten 22 Jahre in einem Erdloch verbracht haben sollte und das Spiel nicht kennt), das inzwischen ebenfalls bereits in etlichen Varianten existiert, zumindest eine intelligente Unterhaltung, die es schafft, geschickt zwischen Wissen, Kultur, Popkultur und Trash-Knowledge zu balancieren. Dennoch war es bislang so, dass man zumindest grundlegendes Allgemeinwissen bereithalten musste, um bei den Standardversionen gewinnen zu können. Damit ist jetzt Schluss. Naja, eigentlich doch nicht.
TRIVIAL PURSUIT – WETTEN UND GEWINNEN führt eine neue Komponente in den Wettstreit der Schlauberger ein: man kann darauf wetten, ob derjenige am Zug die gestellte Frage beantworten kann oder nicht. Lag man richtig, erhält man mehr Jetons, mit denen man weiter wetten oder sich Wissensecken zulegen kann. Es ist allerdings offenbar nicht möglich, komplett ohne Wissen und das Beantworten von Fragen auszukommen, auch wenn man sich für zehn Jetons ein Wissenstortenstück kaufen darf.
Meine Mittester beim DiskutierenIn einem Papp-Halter werden vier Karten platziert, es ragt nur deren oberes Ende aus dem Halter und dort sind Oberbegriffe zu sehen, beispielsweise »Oper«, »Echsen«, »Michael Jackson« oder »Herr der Ringe«. Auf den jeweiligen Karten befinden sich Fragen der auch aus älteren Versionen des Spiels bekannten Kategorien, wie beispielsweise »Erdkunde«, »Geschichte« oder »Sport und Vergnügen«. Man zieht also auf ein Farbfeld, um eine globale Kategorie anhand der Farbe zu wählen, danach sucht man sich eine Oberkategorie auf den im Halter steckenden Karten aus.
Nun kommt der Clou: die Mitspieler wetten nun beliebige Mengen von Jetons offen darauf, ob man die Frage beantworten kann oder nicht. Liegen sie richtig, erhalten sie die doppelte Menge Chips, liegen sie falsch, gehen die Spielmarken an die Bank. Das ist zusätzlich zum Quiz-Aspekt von TRIVIAL PURSUIT ein Heidenspaß, insbesondere dadurch, dass man natürlich ähnlich wie bei Glücksspielen auch mal zocken kann und alles auf eine Karte – oder in diesem Fall besser alles auf einen Schlauberger – setzt. Attraktiv ist hierbei nicht nur der Zockeraspekt, sondern auch der reine Spaß daran, was man den Mitspielern zutraut und was nicht und insbesondere, wie man sich dabei verrechnen kann. Die Wogen der Begeisterung und gegenseitigen (hoffentlich) freundschaftlichen Anmaulens schlagen hier schnell recht hoch, man muss aber klar sagen, dass sowohl das Einschätzen der Mitspieler wie auch das Setzen und Zocken sicherlich am besten in einer Gruppe funktionieren, die sich halbwegs gut kennt.

Boxshot Trivial Pursuit W & WAbschließend ist aber zu sagen, dass die Wettkomponente das Spiel eindeutig befruchtet und es dadurch neben dem von früher bekannten Aspekt des Wissens und eben Nicht-Wissens, das schon sehr unterhaltsam, ein ganz erheblicher Spaßfaktor hinzu kommt. Zudem hat man die Zockervariante für Erwachsene konzipiert, das vorgeschlagene Alter der Spieler liegt bei 16 und aufwärts, es finden sich also keine gezwungen weichgespülten Fragen für Kinder und zumindest diese Ausgabe ist kein »Spiel für die ganze Familie«. Ich finde das angesichts der unüberschaubaren Mehrheit der Spiele, die offenbar immer zwanghaft ab drei Jahren spielbar sein müssen, sehr angenehm.

Für jeden der Spaß an solchen Quizspielen hat, auf alle Fälle eine Empfehlung mit Johl- und Nörgelgarantie sowie Hasskappenfaktor!

Der Preis geht wohl okay, auf der Messe teilte man uns am Hasbro-Stand mit, dass der offizielle Verkaufspreis EUR 34,95 sei und man das Spiel auf der Messe zum supertollen Vorzugspreis von 30 Euro bekommen könne. Erstaunlicherweise hatte keiner der üblichen Verramscher das Spiel im Programm. Glücklicherweise haben wir dann bei dem grandiosen Vorzugspreis nicht zugegriffen, denn bei Amazon erhält man TP W&G für gerade mal Euro 26,99. Netter Versuch, Hasbro...

TRIVIAL PURSUIT WETTEN UND GEWINNEN
2 – 6 Schlauberger ab 16 Jahren
Hasbro
15. Februar 2010
ca. 27 bis 35 Euro
Link zum Hersteller (verblüffenderweise ist auch dieses Spiel nicht auf der Hasbro-Webseite zu finden... wie oft wird die wohl gepflegt?)
Link zu Amazon

Rumschlauen für Zocker – Variante zwei

Bet Your BrainInteressanterweise gab es mit BET YOUR BRAIN ein fast identisches (und älteres) Spiel eines anderen Anbieters (ursprünglich aus Dänemark, wo es Spiel des Jahres wurde), der allerdings nicht mit der schieren Marktpräsenz von Hasbro aufwarten und nur einen eher überschaubaren Stand mit zwei oder drei Testtischen aufweisen konnte. Üblicherweise macht das aber nichts, ganz im Gegenteil, denn insbesondere bei Kleinverlagen oder unscheinbareren Ständen kann man auf der Spiel schon mal Überraschungen erleben und wahre Kleinodien entdecken. Eigentlich stolperten wir auch zuerst über dieses Spiel, warum ich TRIVIAL PURSUIT zuerst erwähnt habe, erklärt sich gleich.
Die Idee bei BET YOUR BRAIN ist im Prinzip dieselbe wie oben bereits vorgestellt: ein Quizspiel, bei dem man auf das angenommene Wissen der Mitspieler setzt. Die Unterschiede liegen im Detail: zum einen ist die Bandbreite der Antwortmöglichkeiten bzw. Frageansätze höher, hier muss man auch mal fünf Begriffe fünf anderen zuordnen und hat dafür nur 30 Sekunden Zeit, oder man muss eine möglichst große Anzahl von Begriffen oder ein möglichst langes Wort zu einem Oberthema aufschreiben. Auch gibt es Karten, bei denen nicht nur einer sondern alle antworten können. Das Grundkonzept ist jedoch wie bei TP, man bekommt einen Oberbegriff (aber keine Unterkategorien) und muss dann darauf setzen, ob der Spieler, der gerade an der Reihe ist, die Frage beantworten kann. Hierzu setzt man ein bis drei Chips und verdeckt einen weiteren, der nach dem Aufdecken preis gibt, ob man auf Wissen oder Nichtwissen gewettet hat. Hat man recht, erhält man die doppelte Anzahl von Chips, wenn nicht wandern die in die Bank zurück. Auch der Ratende muss übrigens immer auf sich selbst setzen und selbstverständlich automatisch darauf, dass er die Frage beantworten kann.

Boxshot Bet Your BrainGrundsätzlich scheinen sich die beiden Spiele nur marginal zu unterscheiden, allerdings hat der direkte Vergleich gezeigt, dass das Konzept von Hasbro für deutlich mehr Spaß gut ist. Das offene Wetten von beliebigen Beträgen bei TP sorgt für deutlich mehr Stimmung. Auch hatte man den Eindruck, dass die Fragen bei BET YOUR BRAIN nicht so zündend und witzig waren, wie beim direkten Konkurrenten. Zudem kennt man bei BYB nur einen schwammigen Oberbegriff, den man sich nicht einmal selbst aussuchen kann und nicht noch zusätzlich eine Unterkategorie wie bei TP, was das Einschätzen des Wissens der Mitspieler deutlich erschwert. Positiv kamen die Schreibspiele an und auch die Spielzeitbegrenzung durch eine Sanduhr war ein ganz cooler Aspekt. Aus den soeben genannten Gründen habe ich diese Variante deswegen erst an zweiter Stelle genannt, denn TP ist einfach subjektiv unterhaltsamer.

Für den Fan von Wissensspielen ist aber auch BET YOUR BRAIN ganz sicher einen Blick wert, gäbe es nicht die sehr ähnliche aber deutlich witziger zu spielende und durchdachter wirkende TRIVIAL PURSUIT-Variante, die auch noch zwei Teilnehmer mehr zulässt, wäre das Spiel sogar eine echte Empfehlung gewesen. So reicht es für einen Daumen halb schräg nach oben. BET YOUR BRAIN gibt es in zwei Varianten: einer für Erwachsene und einer für die ganze Familie, die UVP ist bei Amazon gleich dem Preis – ziemlich happige 40 Euro, auf der Messe wurde es für 30 Euro angeboten (wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht), wäre also immer noch kein Schnäppchen aber doch deutlich preiswerter gewesen.

BET YOUR BRAIN
2 bis 4 Klugscheißer, ab 12 Jahren (die Erwachsenen-Edition)
iToy
21. Oktober 2009
40 Euro
Link zum deutschen Lizenznehmer (auch nicht eben üppig informativ)
Link zum Hersteller (englisch)
Link zu Amazon

Pädagogisch wertvoll und deswegen selbstverständlich prämiert...

DixitDa war doch noch was... ach ja, DIXIT, das Spiel des Jahres 2010. Dass es von einem französischen Kinderpsychologen erfunden wurde hätte einen schon nachdenklich machen sollen, aber politisch korrekt betrachtet, sollte man keine vorurteilsgeprägte Vorabeinstufung durchführen, ohne Details gesehen zu haben. In der Begründung der Jury war von den »wunderschön gestalteten« Karten die Rede. Ja. Tatsächlich. Die waren sicherlich künstlerisch anspruchsvoll.
Leider haben es meine Mit-Tester und ich nicht geschafft, einen freien DIXIT-Tisch zu finden, um das Ding mal auszuprobieren. Wir konnten nur mal eine Anleitung studieren und es handelt sich eindeutig um ein »pädagogisch wertvolles« Spiel, weswegen es von den wahrscheinlich studierten Journalisten der Jury wohl auch ausgewählt wurde. Uns machte die Anleitung allerdings so nachdrücklich nicht an, dass wir auf weitere Versuche, einen Testplatz zu finden verzichtet haben. Wenn ich »phantastische« Geschichten erfinden will, suche ich mir eine Rollenspielrunde, die ist dann auch nicht gezwungen »pädagogisch wertvoll« und Kinder sind weit und breit ebenfalls nicht zu sehen. Hurra.

Karte aus DixitMir sei noch die Anmerkung erlaubt, dass ich nicht nachvollziehen kann, wieso der Preis Spiel des Jahres an ein Kinderspiel geht, wenn es doch auch noch die Auszeichnung »Kinderspiel des Jahres« gibt. Sollte man dann nicht konsequenterweise auch noch ein »Erwachsenenspiel des Jahres« auszeichnen? In diesem Jahr sind de facto zwei Produkte für Kinder prämiert worden, inwieweit das sinnvoll ist, stelle ich in Frage, deswegen sollte es meiner Ansicht nach eben auch einen expliziten Preis für Erwachsenenspiele geben.

Ich möchte an dieser Stelle allerdings nicht erneut über die etwas seltsamen und elitären Auswahl- und Bewertungkriterien des Preises »Spiel des Jahres« lamentieren, deswegen sei dieses Thema an dieser Stelle geschlossen. Wer möchte, dass seine Kinder ihren Nachnamen tanzen können, dem dürfte auch DIXIT gefallen...

DIXIT gab es im Gegensatz zu sonst, wo das Spiel des Jahres einem an nahezu jedem Stand ob man will oder nicht um die Ohren gehauen wird, nur sehr selten zu kaufen. Ich vermute, die Händler hatten erkannt, es hier mit einem potentiellen Ladenhüter zu tun zu haben.

DIXIT
3 bis 6 Waldorfschüler, ab acht Jahren
Asmodee und Libellud
28. Mai 2009
25 Euro
Link zum Distributor Asmodee
Link zu Libellud (englisch)
Link zu Amazon

 

KACKEL-DACKEL und Neuerscheinungen, die keiner sah...

Kackel-Dackel-BoxenZwischen Belustigung und »das kann doch nicht deren Ernst sein« schwankten wir, als wir nicht nur an einem, sondern sogar an mehreren Ständen ein Kinderspiel namens KACKEL -DACKEL bewundern durften, bei dem es - kein Scheiß! - um die Ausscheidungsprodukte von Dachshunden ging. Äh ... ja. Ich bin sonst für jeden Mist zu haben und witzig aufgezogen hätte das auch was zumindest Trashiges sein können, allerdings fehlte dem Spiel nicht nur die Originalität, auch das Artwork war sehr gruselig und vom offenbar in Minuten zusammen ge-photoshoppten Plakat mit zahllosen Flüchtigkeitsfehlern wollen wir erst gar nicht sprechen. Die Produktbeschreibung möchte ich dem geneigten Leser nicht vorenthalten:

Der Kackel-Dackel ist stets hungrig! Wirf den Würfel um zu sehen ob du ihn füttern oder mit ihm Gassi gehen musst. Denn Hunde die viel essen müssen auch öfter vor die Tür! Uups! Was ist jetzt passiert? Kackel-Dackel hat ein Häufchen auf die Straße gesetzt! Das ist nicht gut, da Hunde nicht einfach überall ihr Geschäft erledigen dürfen. Sammle das Häufchen mit deiner Schaufel ein und fülle dein Eimerchen damit. Der Spieler der als erstes sein Eimerchen voll gefüllt hat, ist der Gewinner. Für 2 bis 4 Spieler ab 4 Jahren.

Cover Kackel DackelIst nicht deren Ernst? Leider doch. Auch die Kinder, denen wir bei einer Demonstration zusahen (ich würde auf ein Alter von vier respektive sechs tippen), schienen nicht wirklich begeistert und auch nicht recht bei der Sache, denn der Spielspaß hielt sich offensichtlich in engen Grenzen. Vorne steckte man in den Plastikdackel gelbe Knetmasse hinein und pumpte dann am Halter der Leine, irgendwann kam nicht ganz unerwartet am anderen Ende der gelbe Haufen heraus und den musste man dann irgendwie auf seine Schaufel bekommen. Alles irgendwie sehr sinnlos und auch für Vierjährige - man kann es kaum anders ausdrücken - Bullshit. Die Demonstrationsfrau am Stand sah ebenfalls nicht zu überzeugt und ansatzweise gelangweilt aus...

Angesichts dessen, was sonst schonmal den Preis Spiel des Jahres erhält aber für's nächste Jahr aufgrund seines realitätsnahen Lehrwertes (»wenn Dein Köter auf die Straße kackt, musst Du das aufsammeln!«) bestimmt ein ganz heißer Aspirant auf den ersten Preis. Wir nahmen lieber unsere imaginären Schäufelchen und Eimerchen und zogen weiter.

begeisterte Spieler - NOT!Denn dann war da ja noch die Neuheiten-Ausstellung...

Im Messe-Restaurant wies ein Schild darauf hin, dass es im ersten Stock die Neuheiten der Messe zu bestaunen gäbe. Das wollten wir uns doch mal ansehen, immerhin konnte man diese Neuigkeiten zwischen dem alten Kram und den ekstatischen Würflern und Pöppelschiebern oft nicht so recht ausmachen. Doch oben angekommen fanden wir zwar einen Raum voller Spiele aber fast komplett ohne Menschen vor. Einer war dann aber doch da, der wies uns darauf hin, dass wir hier ohne Presseausweis nichts zu suchen hätten und verwies uns freundlich aber bestimmt des Raumes.

Erstens stand auf dem Plakat unten nichts davon, dass die Neuheiten-Ausstellung nur für die Presse gedacht war. Wäre vielleicht schlau, wenn die Veranstalter das demnächst eindeutig deklarieren würden, damit man nicht nach da oben schlurft und dann unverrichteter Dinge wieder abziehen muss.

Zweitens fragt man sich, wo der Sinn darin besteht, da oben einen Raum mit schön aufgereihten Neuheiten vorzuhalten, der durch gähnende Leere glänzt. Wie bei Schrödingers Katze weiß man hier mit den Spielen auch nicht so recht, ob es sie überhaupt gibt, denn in dem elitären Raum ohne jegliche Besucher sieht sie schließlich keiner. Mein Interesse an den angeblichen Neuheiten und darüber zu berichten tendierte nach diesem Erlebnis gegen Null.

Hinweisschild "Neuheiten-Schau"Überhaupt ist das Gehabe der Veranstalter gegenüber Internet-Berichterstattung geradezu vorzeitlich zu nennen. Ich bekomme beispielsweise bei der Kölnmesse für die größte europäische Spielemesse Gamescom ohne jegliches Problem eine Presseakkreditierung. Die sehen sich meine Webseite inklusive Impressum an, erkennen meine dauerhafte Berichterstattung und schicken ohne jegliche Diskussion frühzeitig eine Pressekarte samt Parkplatznutzung. Bei der Spiel in Essen sieht das völlig anders aus: ohne offiziellen Presseausweis keine Presseakkreditierung. Punkt. Wirklich zeitgemäß ist dieses konservative Gehabe nicht mehr, insbesondere wenn man betrachtet, dass aus Liebhaberei betriebene Special-Interest-Seiten in aller Regel deutlich ausführlicher und näher am Thema berichten als die etablierten Medien, die das nebenbei abhandeln. Der Werbefaktor bei nahezu nonexistenten Kosten (insbesondere umgelegt auf alle Anbieter) wäre deutlich größer, wenn man hier endlich mal zeitgemäß agieren würde.

Trotz aller angeblichen Kreativität im Spielesektor erscheinen die Messeausrichter bei dieser Sache im Gestern gefangen. Wie man sehen kann, fahren sie auch nicht schlecht damit, immerhin schreibe ich Trottel diesen Artikel trotzdem und mache damit kostenfreie Werbung für ihre Veranstaltung. Mit einer Presseakkreditierung hätte ich aber beispielsweise die ganze Zeit dort sein und deutlich ausführlicher berichten können. Und ich hätte den heiligen Raum mit den gebenedeiten Neuerscheinungen betreten dürfen. Und weil ich nachtragend bin, bekommt der Friedhelm-Merz-Verlag deswegen keinen kostenlosen Link, aber wahrscheinlich wissen die eh nicht wie Google eingehende Links bewertet...

Und sonst? Rollenspiel und LARP

GanzkörpermaskeDer Sektor für Pen & Paper-Rollenspiele stagniert leider bereits seit Jahren, er hat sich von der »MAGIC-Karten-Seuche« leider nie mehr so richtig erholt. Auch in diesem Jahr war die Lage eher traurig. Zwar gibt es noch die großen Anbieter und Pegasus ist recht umtriebig, was beispielsweise die deutschen Ausgaben von CALL OF CTHULHU und SHADOWRUN angeht und wirft hier auch regelmäßig Neuheiten auf den Markt, wirklich nennenswerte Novitäten abseits der bekannten Systeme fehlen jedoch allenthalben. Auch der DSA-Verlag Ulisses hat es bis heute nicht zu Wege gebracht, endlich die angekündigte deutsche Neuausgabe von SPACE: 1889 zu realisieren, und das trotz des sich nicht mehr nur am Horizont abzeichnenden Trends Steampunk. Angeblich soll das Regelwerk nun aber kurzfristig erscheinen. Das höre ich schon länger und kann nicht mehr so recht daran glauben.

Steampunk ist ein gutes Stichwort. Betrachtet man sich die zahllosen Anbieter in der Halle, die ich gern als »Rollenspieler-Ghetto« bezeichne, dann war das Thema zwar vorhanden, aber weitestgehend halbherzig und unterrepräsentiert. Die Waren mancher Händler erweckten den Eindruck, als habe man mal schnell was auf Steampunk getrimmt, um den unwissenden Neuling abseihen und von seiner Kohle trennen zu können. Auch der Versuch, Goggles die man im Baumarkt für acht Euro bekommt, völlig unmodifiziert für 25 bis 45 Euro an den Fan zu bringen, wirkte eher kläglich und war zu offensichtlich auf dösige Laufkundschaft getrimmt.
Leder Joe hat allerdings bereits vor einiger Zeit geblickt, was im Fandom passiert und sich darauf eingestellt, auch an anderen Ständen waren Ansätze von interessanten Entwicklungen zu entdecken, beispielsweise Polsterwaffen mit Technik-Zusätzen oder nachgemachte Klingenpistolen. Auch der ein oder andere Anbieter von Goth-Kram bot seine Ware neuerdings unter dem Label »Steampunk« an, auch wenn das bisweilen zweifelhaft war. Es zeichnet sich ab, dass auch hier der Trend eher langsam erkannt wird, man kann aber tatsächlich etwas finden, wenn man bereit ist ein wenig Zeit für die Suche zu investieren.

TaurenmaskeIn Sachen LARP-Ausstattung klafft die Schere weiter auseinander, da gibt es zum einen die »großen« Anbieter wie Mytholon und Dein LARP Shop, die Massenware zum günstigen Preis bieten und zum anderen angebliche Spezialisten, die völlig überteuerte Gewandung, Polsterwaffen (und anderen Polsterkram) auf den Markt bringen wollen und mit »Unikaten« werben. Dennoch sind die Preisschilder für diese »Unikate« in vielen Fällen nicht ansatzweise gerechtfertigt und übersteigen die der letzten Jahre bei Weitem. Auch wenn man über die Preise der Onlineanbieter informiert ist (und wer ist das heutzutage nicht?) wird auf der Messe in Sachen Latexwaffen oft eher nicht zuschlagen – wenn man mir den Kalauer erlaubt.

Ähnliches gilt für Gewandung, auch hier zeichnet sich zwar ein Steampunk-Silberstreif am Horizont ab, insbesondere für Herren, denn die Damen wurden bereits seit vielen Jahren in dieser Hinsicht mit Miedern, Reifröcken und Ähnlichem ganz gut bedient.

Grundsätzlich kann ich gegen die Fertiger von LARP-Massenware im Bereich Waffen und Gewandung nichts sagen, es ist nichts dagegen einzuwenden, dass es hier auch weniger Betuchten ermöglicht wird, sich über Jeans und Gardine hinaus auszustatten. Klar sollte dem Käufer dieser Massenware allerdings sein, dass man Hand anlegen muss, um das Outfit zu individualisieren, möchte man nicht uniformiert aussehen – das sollte aber eigentlich ohnehin klar sein und die meisten machen das auch so. 

Und sonst? V2.0 – Mainstream

Schachadma - Schach mit SchiffchenWas ich im Teaser bereits andeutete galt auch für den Markt der Mainstream-Spiele und Spiele allgemein. Vom offenbar unvermeidlichen STARCRAFT-Brettspiel abgesehen fehlten die Neuheiten-Highlights und zumindest ich hatte den Eindruck, dass leider viel zu oft das Verramschen der unverkauften Produkte der letzten Jahre im Vordergrund stand. Möglicherweise haben wir es noch mit den Nachwirkungen der Wirtschaftskrise zu tun und da nun angeblich deren Ende gekommen ist, gibt es möglicherweise im nächsten Jahr wieder mehr Neues zu bestaunen. Warten wir es ab.

Auch angesichts der fehlenden Highlights war die Messe natürlich dennoch wie in jedem Jahr einen Besuch wert, schon allein als Event, zum Treffen von Freunden und zum gemeinsamen Flanieren, Testen und Lachen lohnt sich die SPIEL allemal.

Alsdann: Bis zum nächsten Jahr – dann dürften auch Dampf und Zahnräder endgültig angekommen sein...

 

 

Bildquellen:

Logo Spiel Copyright Friedhelm Merz Verlag

Promo-Fotos MONOPOLY REVOLUTION und TRIVIAL PURSUIT WETTEN & GEWINNEN Copyright Hasbro

Promo-Fotos BET YOUR BRAIN Copyright iToy

Promo-Fotos DIXIT Copyright Asmodee und Libellud

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