DIE LEGENDE DER WÄCHTER - LEGEND OF THE GUARDIANS - THE OWLS OF GA'HOOLE
Eine niedliche Maus sitzt auf dem Ast eines Baums. Kaum dass der Zuschauer das possierliche Tierchen in sein Herz schließen kann, taucht hinter der Maus eine fliegende Gestalt auf ... und große Krallen greifen sich das kleine Nagetier! Dem überraschten Publikum zeigt sich nur noch der Anblick eines schwach zitternden und nun leeren Baumzweigs.
Eine Anfangsszene, die zeigt, dass hier nicht mit albernen, Poplieder singenden Tieren zu rechnen ist – eine, wie ich finde, schon fast zur Unsitte verkommene Angewohnheit bei Animationsfilmen. Dieser Film will mehr sein. Und er wird dem hohen Anspruch voll und ganz gerecht.
Die junge Schleiereule Soren ist fasziniert von den mystischen Geschichten um das geheimnisvolle Land Ga'Hoole, in dem ein Bund edler Eulenwächter leben soll, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, das Böse zu bekämpfen. Sein älterer Bruder Kludd, der auf Soren neidisch ist und es nicht ertragen kann, dass ihr Vater den jüngeren Bruder stets zu bevorzugen scheint, hält nichts von diesen Fantastereien.

Eines Nachts wagen die beiden, ohne die Aufsicht der Eltern, Flugversuche. Dabei fallen die beiden, bedingt durch Kludds Neid, vom Baum auf den Waldboden, wo sie von zwei großen fremden Eulen gepackt und in ein weit entferntes Land entführt werden.
Dort angekommen werden sie mit anderen verschleppten Jung-Eulen in zwei Gruppen eingeteilt: die Nachkommen von »Tyto« (Schleiereulen), die zu Soldaten ausgebildet werden und die restlichen Eulen, die als einfache Arbeiter eingesetzt werden. Damit sich diese nicht auflehnen, werden sie »mondwirr« gemacht: sobald sie bei Vollmondlicht einschlafen, sind sie nach dem Erwachen apathische und willenlose Kreaturen. Gylvie, ein kleines Elfenkäuzchen, kann Soren warnen, so dass sie als Einzige nicht der Mondwirrheit anheimfallen. Der Aufpasser Grimble stellt die beiden zur Rede. Dabei erfährt der Zuschauer den Hintergrund dieses seltsamen »Arbeitslagers«. Nyra, eine große Schleiereule (im Original von Helen Mirren gesprochen), führt zusammen mit einem gewissen Metalbeak (dessen Kopf stets unter einem Eisenhelm verborgen ist) die Gruppe der Reinsten (»Pure Ones«) an. Metalbeak ist davon überzeugt, dass die Nachfahren »Tytos« zum Führen geboren sind. Die Arbeiter-Eulen dagegen sind dazu verdammt, aus Gewölle »Tupfen« (winzige Metallteile) herauszupicken. Abgerichtete Fledermäuse tragen die gefundenen Tupfen zusammen, die in großer Anzahl ein magnetisches Kraftfeld bilden, welches große Schmerzen auf Eulen ausübt und das sich Metalbeak als Waffe zu Nutze machen will.

Mit Grimbles Hilfe, der schon lange nur noch widerwillig für die Reinsten arbeitet, lernen Soren und Gylvie fliegen und können fliehen. Während ihrer Flucht schließen sich zwei weitere Eulen an, mit denen sie sich zusammen über das Hoole-Meer in das sagenhafte Ga'Hoole aufmachen. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte erreichen sie schließlich den Ort der legendären Wächter. Dort ahnt noch niemand etwas von der aufkommenden Gefahr, von der Soren berichtet. Nach anfänglicher Skepsis formieren sich schließlich die Wächter zu einer Armee, um gegen das aufkeimende Böse in die Schlacht zu ziehen. Da Soren noch zu jung und unerfahren ist, darf er nicht mitkommen. Als er jedoch von einem Verrat in den eigenen Reihen erfährt, macht er sich mit seinen Gefährten auf den Weg, um die Wächter zu warnen. In den finalen Schlachtszenen gelingt es Soren, die Wächter aus der ihnen gestellten Falle zu retten und den Anführer Metalbeak zu töten. Schließlich kommt es zu einer dramatischen Auseinandersetzung zwischen Soren und Kludd, der inzwischen zu einem feindlichen Soldaten ausgebildet worden ist und einen unversöhnlichen Zorn auf seinen Bruder hegt. Dabei stürzt Kludd in eine Feuersbrunst, während die ehemalige Anführerin Nyra mit ein den überlebenden Reinsten fliehen kann ...

Soweit die grob umrissene Handlung, welche die ersten drei Bücher der insgesamt 15-teiligen Jugendbuchreihe von Kathryn Lasky umfasst und sowohl zu einem spannenden als auch wunderschön animierten Film einlädt. Wie soll es auch anders sein, denn niemand anderer als Regisseur Zack Snyder, der durch actiongeladene Comic-Umsetzungen (WATCHMEN - DIE WÄCHTER, 300) und Horrorfilme (DAWN OF THE DEAD) bekannt wurde, inszenierte diesen Film nach einem Drehbuch von John Orloff (EIN MUTIGER WEG) und Emil Stern (TENDERNESS).
Angesichts der Handlung mag man sich über spezielle Details streiten, wie den von der Autorin bewusst verwendeten »Herrenrasse«-Mythos, über den sich diverse Kritiker den Kopf zerbrechen und die das brisante Thema im Zusammenhang mit einem Jugendbuch bzw. Animationsfilm für Kinder nicht gutheißen wollen. Doch Frau Lasky ist, aus meiner Sicht, ein ganz besonderer Coup gelungen. Wer sich nur ein wenig mit der biologischen Familie der Eulen befasst, wird entdecken, dass diese tatsächlich in zwei Gruppen unterteilt ist: in die der »Schleiereulen« (Tytonidae) und die der »Eigentlichen Eulen« (Strigidae). Aus Tytonidae werden hier die Nachfahren derer von Tyto. Daraus kreiert Kathryn Lasky eine gefährliche und überhebliche »Herrenkaste«, was natürlich nichts mit irdischem Eulenverhalten zu tun hat. Der Autorin ist vielmehr durch die Übertragung der Geschichte auf ein faszinierendes Eulenreich eine spannende Parabel für Alt und Jung gegen irrwitziges Machtdenken und Unterdrückung von Andersdenkenden gelungen – ganz in der Tradition guter Märchen, die auf soziale und gesellschaftliche Fehlentwicklungen hinweisen und aufzeigen, dass sich ein Auflehnen gegen falsche Ikonen und der heldenhafte Einsatz für das Gute Ziele sind, für die es sich zu kämpfen lohnt.

Der Film zeichnet sich neben der liebevoll ausgearbeiteten Handlung durch eine ausgezeichnete Computeranimation aus, die mit Hilfe des HAPPY FEET-Effekteteams Animal Logic produziert wurde. Die unglaublich realistische Darstellung lebendiger Eulen ist derart gut gelungen, dass dies mit zum fesselnden Element dieses außergewöhnlichen Films gehört. Laut Snyder erforderte alleine die Programmierung sich bewegender Eulenfedern derart viel Energie, dass man einen Stromausfall in Sydney befürchtete. Die Computer sollen so lange an einer Szene mit aufeinander treffenden Federn gerendert haben, dass man mit demselben Energieaufwand eine Rakete zum Mars hätte befördern können ... nur so viel zu Zack Snyders bildhafter Darstellung in einem Interview mit Zeit Online, was augenscheinlich an Rechen- und Energiearbeit geleistet werden musste.
Als einziger Kritikpunkt mag angemerkt sein, dass man den Schlacht-Szenen gegen Ende des Films z.T. deutliche Kürzungen anmerkt (ein Film mehr, der dem Cutter zum Opfer fällt, um eine Freigabe ab 6 statt ab 12 Jahren durchzudrücken). Noch ist unbekannt, ob es auf dem deutschen Markt eine ungeschnittene Version geben wird.

Kurzum: Wer Eulen liebt, wird das Kino gar nicht mehr verlassen wollen. Und wer bis dahin so gut wie nichts mit Eulen anfangen konnte, wird sie nach dem Film mit anderen Augen sehen.
Fazit:
Ansehen und genießen!
DIE LEGENDE DER WÄCHTER
LEGEND OF THE GUARDIANS - THE OWLS OF GA'HOOLE
Deutschlandstart: 14.10.2010
Premiere: 24.09.2010 (USA)
FSK: ab 6
Genre: Fantasy/Märchen
Länge: 93 Minuten
Land: USA & Australien
Sprecher (Originalversion): Sam Neill, Geoffrey Rush, Hugo Weaving, David Wenham, Emily Barclay, Abbie Cornish, Emilie de Ravin, Ryan Kwanten, Jay Laga'aia, Miriam Margolyes, Helen Mirren, Jim Sturgess u.a.
Sprecher (deutsche Fassung): Manuel Straube, Marieke Oeffinger, Philipp Brammer, Philipp Moog, Reinhard Brock, Elisabeth Günther, Wolfgang Condrus, Katharina Lopinski, Ekkehardt Belle, Gudo Hoegel u.a.
Regie: Zack Snyder
Drehbuch: John Orloff und Emil Stern
Bildnachweis: Poster und Promofotos Copyright 2010 Warner Bros.

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